Musik Alben im Rückspiegel der Zeit

Was ist von der tollen Musik der letzten 70 Jahre übrig geblieben ? Gab es Musikalben, mit so viel Substanz, dass diese über Jahrzehnte hinweg, vielleicht sogar bis in die Gegenwart relevant geblieben sind ? Oder waren sie einfach nur kurzfristige Reflektionen seiner Zeit ? In meinen knappen, aber persönlichen Rezensionen schildere ich euch meine persönliche Sicht aus der Welt der Musik mitsamt meinen Highlights aus vielen Jahren Musikhörer Erfahrung, in aber auch außerhalb des Urlaubs :)

Musik Alben im Rückspiegel der Zeit,  bislang mit folgenden Rezensionen: 

The Police (1979) - Regatta de Blanc – Oder: Wie man mit einer Snare-Drum und einer Flasche Bleichmittel die Welt erobert

Billy Joel - Songs In The Attic (1981) - Der großartige Fund verborgener Dachbodenschätze

The Boomtown Rats – V Deep (1982) - Zwischen Experiment und Abschiedsschmerz

Queen - Hot Space (1982) - Zu viel heiße Luft für Opern Nacht Besucher

John Watts - The Iceberg Model (1983) - Die unglaubliche Schönheit unter der Spitze des Eisberges

Barbra Streisand- Emotions (1984) - Ich mach dann mal Pop, Walter ! 

Spandau Ballet - Parade (1984) - Es muss nicht immer ' Gold ' sein !

Simply Red - Stars (1991) - Der gelungene Griff nach den Sternen

U2 - Achtung Baby (1991) - Wenn du in Berlin bist, mach es wie Bowie ! 

Paul Weller - Stanley Road (1995) - Die einzige Konstante sind seine 'Ever Changing Moods'

Herbert Grönemeyer - Bleibt Alles Anders (1998) - Vom ahnungsvollen Aufbruch ins Land Brutal

Van Morrison - Back On Top (1999) - Auf der Suche nach dem Stein der Weisen

 

The Police (1979) - Regatta de Blanc – Oder: Wie man mit einer Snare-Drum und einer Flasche Bleichmittel die Welt erobert

Man schreibe das Jahr 1979. Punk ist gerade dabei, sich die Sicherheitsnadeln aus dem Gesicht zu ziehen, und Rockmusik wirkt so schwerfällig wie ein betrunkener Onkel auf einer Hochzeit. Und dann kommen The Police mit ihrem zweiten Album Regatta de Blanc um die Ecke.
Der Titel bedeutet übersetzt so viel wie „Weißer Reggae“. Das ist ehrlich. Es ist, als würden sie sagen: „Ja, wir haben Bob Marley gehört, aber wir verbringen unsere Ferien trotzdem lieber in Brighton als auf Jamaika.“

Am Anfang war die musikalische Erfahrung:
Das Album beginnt mit „Message in a Bottle“. Stewart Copeland trommelt hier so präzise und schnell, dass man sich fragt, ob er heimlich einen achthebeligen Oktopus in seinem Stammbaum hat. Sting singt dazu über die Einsamkeit eines Schiffbrüchigen – ein Thema, das jeder nachempfinden kann, der schon mal versucht hat, am Freitagabend ohne Reservierung einen Tisch im Restaurant zu bekommen.
Dann wäre da „Walking on the Moon“. Der Basslauf ist so minimalistisch, dass er fast schon Arbeitsverweigerung wäre, wenn er nicht so verdammt cool klingen würde. Man bekommt beim Hören sofort das Bedürfnis, sich in Zeitlupe durch das Wohnzimmer zu bewegen und so zu tun, als hätte die Schwerkraft gerade Feierabend.

Natürlich gab es „Füller“ (oder: Wir hatten keine Zeit mehr):
Man merkt, dass das Album unter Zeitdruck entstand. Zwischen den Welthits gibt es Songs wie „Deathwish“ oder den Titelsong „Regatta de Blanc“, der eigentlich nur aus „Ching-Chong“-Lauten und Copelands besessenem Getrommel besteht. 

Es klingt ein bisschen so, als hätten sie die Instrumente im Studio aufgebaut, den Aufnahme-Knopf gedrückt und geschaut, wer zuerst lacht. Spoiler: Es funktioniert trotzdem ! Und mit etwas Glück gewinnt man nebenbei auch noch einen Grammy Award fürs beste Instrumental Stück des Jahres. Ungaublich ! 

Und wer könnte „On Any Other Day“ vergessen? Der Song, in dem Stewart Copeland darüber singt, dass seine Frau ihn verlassen hat, das Haus brennt und sein Sohn vermutlich schwul ist (was ihn im Song am meisten stresst – ach, die 70er!). Es ist der einzige Song, der klingt, als hätten die Beatles versucht, einen Monty-Python-Sketch zu vertonen.

Also mein Fazit für diesen Klassiker: 
Regatta de Blanc ist wie ein guter Weißwein: Er ist hell, spritzig und wenn man zu viel davon erwischt, fängt man an, wirres Zeug zu singen und sich die Haare platinblond zu färben.

Sag mir, für wen war damals diese Platte ?
Auf jeden Fall für Leute, die gerne Schlagzeug auf dem Lenkrad spielen (Vorsicht: Copeland-Beats führen zu Knötchen in den Fingern). Für Personen, die finden, dass Bassgitarren nur drei Töne brauchen, um glücklich zu machen und jeden, der eine Nachricht in einer Flasche verschickt hat und sich wundert, warum nur Rechnungen zurückkommen.

Warnung: Das Hören dieses Albums führt zu einem unkontrollierbaren Drang, „Eyo-oh!“ zu rufen, wann immer es im Raum kurz still ist. Danke Sting, Danke Andy Summers, Danke Stewart Copeland ! Das war schon 'ne große Nummer, damals !  Heute noch relevant ? Schwer zu sagen, aber mit Sicherheit immens unterhaltsam. Damals wie heute ! 

 

Billy Joel - Songs In The Attic (1981) - Der großartige Fund verborgener Dachbodenschätze

Songs in the Attic ist kein gewöhnliches Livealbum, sondern eine liebevolle Rückschau auf die frühen Jahre von Billy Joels Karriere. 1981 veröffentlicht, versammelt das Album Liveaufnahmen aus verschiedenen Konzerten zwischen 1976 und 1980 und rückt dabei bewusst Songs in den Mittelpunkt, die zuvor eher im Schatten seiner großen Hits standen.

Besonders beeindruckend ist die Energie der Aufnahmen. Titel wie „Miami 2017 (Seen the Lights Go Out on Broadway)“, „Say Goodbye to Hollywood“ oder „Captain Jack“ gewinnen in der Live-Version spürbar an Kraft und Dramatik. Joels Stimme klingt rauer und direkter als auf den Studioaufnahmen, was den Songs eine zusätzliche emotionale Tiefe verleiht. Unterstützt wird dies durch eine hervorragend eingespielte Band, die Rock-, Pop- und Piano-Elemente souverän miteinander verbindet.

Das Album funktioniert zugleich als musikalische Autobiografie: Jeder Song ist mit einer bestimmten Stadt oder Phase in Joels Leben verbunden. Dadurch entsteht ein roter Faden, der Songs in the Attic persönlicher wirken lässt als viele andere Livealben. Die Songs kommen kraftvoller und ehrlicher daher, als auf den Studioalben, siehe "Summer, Highland Falls" und "Los Angelinos". Die Produktion ist klar und ausgewogen – das Publikum ist präsent, ohne die Musik zu überlagern.

Insgesamt ist Songs in the Attic ein starkes Beispiel dafür, wie Liveversionen Studioaufnahmen nicht nur reproduzieren, sondern weiterentwickeln können. Für Billy-Joel-Fans ist das Album ein Muss, für Neueinsteiger eine spannende Alternative zu den bekannten Greatest-Hits-Zusammenstellungen. Es zeigt Billy Joel als leidenschaftlichen Performer und als Songwriter, dessen frühe Werke auch Jahre später nichts von ihrer Wirkung verloren haben.

Mein Fazit: Jeder Song ein Volltreffer ! 
Songs in the Attic ist mehr als ein Livealbum – es ist eine Neubewertung von Billy Joels frühen Songs. Jeder Titel gewinnt live an Charakter, Emotion oder Energie. Eine Song-für-Song-Struktur der Trackliste macht deutlich, wie konstant stark Joels Songwriting schon zu Beginn seiner Karriere war. Und was danach kam, ist Legende ! 

 

The Boomtown Rats – V Deep (1982) - Zwischen Experiment und Abschiedsschmerz

Als V Deep 1982 erschien, war die Ära der „Ratmania“ bereits im Rückspiegel verschwunden. Nach dem Ausstieg von Gründungsmitglied und Gitarrist Gerry Cott standen Bob Geldof und seine Truppe an einem Scheideweg: Wollten sie die Stadion-Hymnen von The Fine Art of Surfacing kopieren oder etwas völlig Neues wagen? Sie entschieden sich für Letzteres – und das Ergebnis ist eines der wohl streitbarsten Alben der New-Wave-Geschichte.

V Deep klingt nicht nach einer Band, die es jedem recht machen will. Der Sound war simple gesagt Mut zum Chaos. Es ist ein dichtes, fast schon klaustrophobisches Album. Wo früher klarer Punk-Rock herrschte, finden wir hier einen Mix aus Synth-Pop, Dub-Elementen und sogar Gospel-Anleihen.

  • „He Watches It All ": manisch depressiv, verzweifelt, anklagend und doch die Aufforderung, eines Versuches zu starten um miteinander ins Gespräch über den Zustand der Ohnmacht und der Hilflosigkeit zu kommen. 
  • „Never in a Million Years“: Ein brillianter Popsong, welcher beweist, dass Geldof als Songwriter weit mehr konnte als nur freche Parolen zu brüllen.
  • Die Experimente: Tracks wie „A Storm Breaks“ oder „Talking In Code“ wirken heute wie Vorboten der experimentellen Popmusik der 80er – mutig, sperrig und manchmal hart an der Grenze zur Überforderung.

Als Fazit: Ist V Deep ein Meisterwerk? Wahrscheinlich nicht. Aber es ist ein faszinierendes Dokument einer Band, die sich weigerte, auf der Stelle zu treten. Es ist düsterer, bitterer und klanglich wesentlich vielschichtiger als ihre frühen Erfolge.

Für Gelegenheits-Hörer mag das Album „zerfahren“ wirken, doch für Fans von Post-Punk und Art-Pop ist es eine Schatzkiste, die erst nach dem dritten oder vierten Hören ihre volle Wirkung entfaltet. Ein Album für die späten Stunden, in denen der Glanz der Popwelt langsam verblasst.

 

Queen - Hot Space (1982) - Zu viel heiße Luft für Opern Nacht Besucher

Was war das doch für ein Aufschrei, als Queen sich 1982 die Freiheit heraus nahmen, ein Album aufzunehmen, welches mehr Disco & Funk als Rock Elemente aufzuweisen hatte. Aber was hätten die Herren Mercury, May, Deacon und Taylor den auch machen sollen. ' The Night At The Opera ' war in künstlerischer Vielfalt sowieso nicht mehr zu toppen, " News Of The World " war der Rock Hit Kracher schlechthin. Also was nun, Königin ? Natürlich waren die vier Musiker auch Geschäftsleute und schlau genug um zu erkennen, dass der Song " Another One Bites The Dust " vom Album " The Game " in Amerika großartig verkauft wurde. Warum dann also nicht versuchen, ein Album anzubieten, welches diesen schwarzen Markt in den USA aufrollen konnte ?

Gut, wenn wir ehrlich sind, hatten die Songs von "Hot Space" nicht die Qualität, dies dann auch umzusetzen. Aber der Schritt war seinerzeit mutig und ein Versuch war es einfach wert. 

Zwei Fünf Sterne Songs hatte das Album allzumal zu bieten: "Staying Power" & "Under Pressure", letzteres, welches gemeinsam mit David Bowie entwickelt und eingespielt wurde. Überhaupt hatte in diesen Tagen vor allem der Bassist John Deacon einen Lauf. Nicht nur wenn es um Bassläufe ging, sondern auch in Sachen Sound & Vision war er in diesen Tagen die Speerspitze. Teilweise nahm er bei der Produktion Brian May die Gitarre frech aus der Hand und spielte die Sachen so ein, wie sie klingen sollten: trocken, funky, catchy. 

" Action This Day " und " Put Out The Fire " waren großartige Songs in der Rock Tradition und bildeten das Gegengewicht zu den Dance Musik Attacken auf dem Album. So kannte man Queen und genauso wollte man sie hören ! 

Aber da waren dann eben noch ein paar Stücke, welche als Rock konzipiert worden waren, jedoch mit Elektroniksound schlicht gegen die Wand gefahren wurden: " Dancer " & " Las Palabras De Amor " beide von Brian May. Samples Keyboard anstatt  E Gitarre, das konnte nicht gut gehen. 

Natürlich durfte Freddie mal wieder die Grenzen zu anderen Musikstilwelten ausloten: " Cool Cat " &  " Body Language " waren inspirativ, aber etwas flach. Tolle Ideen, die aber nicht ausreichend entwickelt wurden. Den Nachruf auf John Lennon " Life Is Real " hätte man sich ebenfalls schenken können. Die Instrumentierung des Liedes wardicht an den 70'er Lennon angelehnt, dies war verständlich und nachvollziehbar. Die Substanz der Komposition erwies sich jedoch als zu schwach, trotz aller Nostalgie in Bulsaras Stimme. Das hatte der ermordete Beatles Revoluzzer nun so wirklich nicht verdient. 

" Calling All Boys " kam zwar noch als Single und " Back Chat " hatte außer einem Chorus im Flow leider nichts zu bieten, trotzdem wars schön, das Ganze verpackt als Album im Jahr 1982 auf vier Grundfarben präsentiert zu bekommen. 

Was bleibt: Queen waren 1982 mutig genug, mal was Neues auszuprobieren. Doch die Verkaufszahlen waren nichts dolle, also waren beim Nachfolger  " The Works " dann alle wieder dabei, den alten Sound in neuen Gewändern zu reproduzieren. Ich fand " Hot Space " seinerzeit richtig toll und es macht mir viel Spaß, die langen Gesichter der Queen Fans zu sehen, als über das Album diskutiert wurde und sich alle darin einig waren, dass David Bowie den Jungs diesmal den königlichen Arsch gerettet hatte :)

 

John Watts - The Iceberg Model (1983) - Die unglaubliche Schönheit unter der Spitze des Eisberges

Das Album „The Iceberg Model“ von 1983 war John Watts’ zweites Solowerk nach der (ersten) Auflösung von Fischer-Z und gilt unter Kennern als ein „untergegangenes Meisterwerk“. Mit diesem Album emanzipierte sich John Watts endgültig vom Post-Punk-Korsett seiner früheren Band. Während das Debüt ‚One More Twist‘ von 1982 noch rockigere Töne anschlug, gelang mit diesem Nachfolger ein atmosphärisches Kunstwerk, das Komplexität über Eingängigkeit stellte.

Watts brach hier bewusst mit traditionellen Strukturen. Die Melancholie traf auf Experimentierfreude. Der Einsatz von Bläsern (unterstützt von Musikern der frühen Dexys Midnight Runners verlieh den Songs wie „Interference“ oder „I Was In Love With You“ eine soulige, fast dramatische Tiefe. Auch afrikanische Perkussion und kühne Keyboard-Teppiche fanden ihren Platz, was das Album eher in die Nähe von Art-Pop rückt als zum gewöhnlichen New Wave.

Einfach nur großartig:

   • „I Smelt Roses (In the Underground)“: Ein melancholisches Stück mit Hit-Potenzial, das die einsame, fast klaustrophobische Stimmung des Albums perfekt einfängt.
   • „Man in Someone Else’s Skin“: Ein treibender Song, der Watts’ lyrisches Talent für psychologische Beobachtungen zeigt.
   • „Iceberg Model“: Das instrumentale Finale ist eine Kakofonie aus Bläsern und Synthesizern – ein gewagter Abschluss, der die „Unordnung hinter dem Chaos“ (Order out of Chaos) klanglich abbildet.
   •  „ I Was In Love With You “: Kampf, Ende und Abschied von der großen Liebe und die Unfähigkeit, würdevoll Schluss zumachen. Dieser Song lässt einen nicht kalt zurück. Ein Monster !

Aber Achtung: The Iceberg Model ist kein Album für zwischendurch. Es ist traurig, düster und bisweilen schräg. Für Fans von Fischer-Z, die den intellektuellen Anspruch von Watts schätzen, ist es jedoch eine „kleine Offenbarung“. Es zeigte einen Künstler auf der Suche nach einer neuen Identität, der bereit war, kommerziellen Erfolg für künstlerische Integrität zu opfern. 

 

Barbra Streisand- Emotions (1984) - Ich mach dann mal Pop, Walter ! 

Man schreibt das Jahr 1984, und während die restliche Welt noch versucht, sich unfallfrei in neonfarbene Leggings zu zwängen, entscheidet Barbra Streisand, dass ihr „Broadway-Ego“ mal eine kleine Pause braucht, um die Pop-Charts durchzuschütteln. Das Ergebnis ist Emotion – ein Album, das so herrlich nach 80er-Jahre-Produktion riecht, dass man beim Auflegen fast den Geruch von Haarspray in der Nase hat. Beim Anhören der Demos dieses Albums, muss dem damaligen CBS Chef Walter Yetnikoff seinerzeit die Zigarre aus dem Mund gefallen sein, verwundert darüber, dass das beste Opern & Musical Pferd im Label Stall nun knallbunten Pop zaubern will ! Aber wenn Frau Streisand etwas will, dann bekommt sich es gewöhnlich auch:  

Es ist eine faszinierende Mischung aus Mut und Stimmgewalt, wobei besonders das Duett „Make No Mistake, He's Mine“ mit Kim Carnes heraussticht. Hier treffen zwei der charakteristischsten Stimmen der Musikgeschichte aufeinander und liefern sich ein vokales Duell, das gleichzeitig sanft und hochexplosiv wirkt. In „Best I Could“ besinnt sich Barbra auf ihre Wurzeln und liefert eine klassische, opulente Ballade ab, die inmitten der elektronischen Experimente als Ruhepol fungiert und zeigt, dass sie auch ohne Drumcomputer jeden Raum füllen kann. Dann folgt mit „Left in the Dark“ der absolute Gipfel des theatralischen Bombasts: 'Meat Loaf' Songschreiber und Produzent Jim Steinman wirft hier mit klanglichem Pomp nur so um sich, doch Barbras Stimme thront über dem orchestralen Chaos wie ein Fels in der Brandung - verletzt, jedoch voller Grazie. " You don't have to sneak in the door, just come into the room ... "  
Im Musikvideo zum Titelsong „Emotion“ zeigt sie zudem ihren Sinn für Humor und teilt sich mit keinem Geringeren als The-Who-Legende Roger Daltrey das Bett – ein herrlicher visueller Moment, der Barbras Status als monströse Pop-Diva unterstreicht. 
In der Ballade „Heart Don’t Change My Mind“ beweisein die Produzenten ein goldenes Händchen für zeitlose Melodien und Barbra liefert eine Performance ab, die so präzise und kontrolliert klingt, als würde sie gerade eine Opernarie schmettern. Den zarten, krönenden und wohl authentischsten Abschluss aber bildet jedoch „Clear Sailing“, ein Song, der durch seine sanfte  Leichtigkeit besticht und zeigt, dass Streisand auch ohne große Synthesizer-Gewitter eine unglaubliche Präsenz ausstrahlt. Von allen Lasten befreit, zweisam und gemeinsam in bedingungsloser Liebe zeitlos durch den Ozean des Lebens treiben. Ooooh Barbra !

 

Spandau Ballet - Parade (1984) - Es muss nicht immer ' Gold ' sein ! 

Mit ihrem 1984er Album "Parade" festigten Spandau Ballet ihren Status als Giganten des Sophisti-Pop. Es ist die konsequente Weiterentwicklung des Mega-Erfolgs "True" und besticht durch eine glatte, hochprofessionelle Produktion des Duos Swain & Jolley. Während die Lead-Single "Only When You Leave" als treibender Ohrwurm überzeugt, zeigt das atmosphärische "I’ll Fly For You" die stimmliche Eleganz von Tony Hadley. Ein besonderes Highlight ist zudem die Ballade "Round and Round", die mit ihrem sanften Arrangement und der melancholischen Note perfekt den Zeitgeist der Mitte der 80er einfängt. Auch wenn das Album experimentelle Wagnisse meidet, bietet es eine stimmige Mischung aus tanzbaren Grooves und edlen Melodien. „Parade“ ist ein zeitloses Dokument für stilvollen High-End-Pop, das die Band auf ihrem kommerziellen Zenit zeigt und auch heute noch hervorragend funktioniert.

Im Nachhinein war ' Parade ' von Spandau Ballet herzerwärmend, aber harmlos. Die ganz großen Hits fehlten. Aber das Album hatte Charme und irgendwie fing es damals etwas ein, was in der Luft lag: Die unerträgliche Leichtigkeit des Pop Daseins, auch ohne den ganz großen Erfolg. Die Jungs sahen gut aus, hatten ihre Top Seller längst rausgehauen und glänzten in voller Schönheit der Jugend über die Bildschirme der MTV Welt. " Besser den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach " wird sich Gary Kemp damals gedacht haben und lieferte gutes Songwriting Handwerk & solide Pop Kompositionen ab. 

Im Rückspiegel gesehen, hat das Album der heutigen Zeit nicht mehr viel zu sagen. Muss es aber auch nicht. Wie gesagt, schön waren sie immer, die Jungs um Tony Hadley und ihre Musik war es auch. Also nehmen wir es zur Kenntnis und freuen uns darüber, dass die Parade damals kunterbunt an uns vorbei gezogen ist. Es muss ja auch nicht immer " Gold " sein ! 

Simply Red - Stars (1991) - Der gelungene Griff nach den Sternen

Ich hörte die Single "Stars" zum erstenmal, als ich in einem Jeansladen in Brüssel im Jahr 1991 nach einer originellen und engsitzenden Levis für mich suchte. Als Hintergrundmusik lief das Radio und spielte die musikalischen Neuerscheinungen der Woche. Bereits nach ein paar Takten wußte ich auch ohne Ansage, wem ich diesen stimmigen, rhytmischen und wunderschönen Popsong zuzuordnen hatte: Simply Red !

Spätestens nach dem großartigen Debutalbum von Mick Hucknall und seinen Mannen namens "Picture Book" wußte man, was die Jungs drauf hatten. Aber, um es mit Falco zu sagen:  meist ist es ja so, dass nach einem derartigen kommerziellen Volltreffer mit fünf Hitsingles das Pulver der besten Ideen verschossen ist.
Aber Simply Red legten noch einen Riesen drauf. Die Erkenntnis einer nochmaligen Steigerungsfähigkeit dieser Pop & Soulband schockte mich regelrecht, so sehr, dass ich sogleich den nächstliegenden Plattenladen anvisierte und schmerzlich erfahren musste, dass die Single zwar draußen im Äther, das neue Album jedoch noch nicht im Verkauf angekommen war.

Aus heutiger Sicht ist „Stars“ weit mehr als nur ein Relikt der Neunziger – es ist das Dokument eines perfekten musikalischen Augenblicks. Mick Hucknall und seine Band schufen 1991 ein Werk, das die damals oft kühle Pop-Landschaft mit einer Wärme flutete, die bis heute nachhallt.  Es ist die Art von Album, die man Jahrzehnte später aus dem Regal zieht und feststellt, dass die Produktion keinen einzigen Tag gealtert ist, weil echte Instrumentierung und handwerkliche Brillanz eben niemals aus der Mode kommen.

Die Magie beginnt bereits bei „Something Got Me Started“, das mit seinem unwiderstehlichen Piano-Riff auch nach über 30 Jahren jeden Raum augenblicklich in positive Schwingungen versetzt. 

Der Titeltrack „Stars“ bleibt eine der elegantesten Pop-Hymnen überhaupt; ein Song wie ein sternenklarer Abend, der Hucknalls einzigartige Fähigkeit, Soul-Gefühl in radiotaugliche Melodien zu gießen, perfekt konserviert. 

Mit „For Your Babies“ erstaunte die Band die Zuhörerschaft mit einer Ballade von solcher zeitlosen Zärtlichkeit, dass sie heute generationsübergreifend als Inbegriff von Geborgenheit gilt.

Erwähnung verdient rückblickend auch „Your Mirror“. In einer Zeit, in der Pop oft oberflächlich blieb, forderte dieser Song mit seinen markanten Bassläufen zu mutiger Selbstreflexion auf und bewies, dass man auch zu tiefgründigen Texten erstklassig grooven kann. 
Die restlichen Lieder des Albums blieben für mich bei drei Sternen hängen, sagen wir also: guter Durchschnitt. "She's Got It Bad" noch einen halben Tick mehr. 

Wer dieses Album heute wiederentdeckt, hört nicht nur Nostalgie, sondern das stolze Erbe einer Band auf ihrem absoluten Zenit.

Wie sagte doch Mick Hucknall so treffend: " Ich sehe mich nicht in der Tradition der Soul- oder Jazzsänger. Ich stehe in der Tradition der Beatles, The Who oder auch Led Zeppelin !" Diese Aussage rührt mich zu Herzen und mit demselben gönne ich ihm diesen einstmals gelungenen Griff nach den Sternen ! 

 

U2 - Achtung Baby (1991) - Wenn du in Berlin bist, mach es wie Bowie ! 

In den Berliner Hansa-Studios vollzogen U2 eine Transformation, die in ihrer Methodik und Ästhetik direkt auf David Bowies legendäre Berlin-Trilogie der späten 1970er Jahre referenziert. Angetrieben von Brian Eno, der bereits Bowies Meilensteine wie „Heroes“ mitgeprägt hatte, nutzte die Band die geschichtsträchtigen Räume unweit der Mauer, um ihren bisherigen Stadion-Rock-Sound konsequent zu dekonstruieren. Während Bowie Ende der 70er Jahre der eigenen Berühmtheit entfloh, um sich in der Isolation West-Berlins künstlerisch zu häuten, suchten U2 1990 eine ähnliche „europäische Exotik“, um dem eindimensionalen Image der Ernsthaftigkeit zu entkommen. 

Besonders deutlich wird die Parallele in der bewussten Abkehr von der „Häuslichkeit“ und dem Altbekannten zugunsten einer experimentellen, fast industriellen Klangwelt. Bono orientierte sich bei der Entwicklung seiner neuen Bühnencharaktere wie „The Fly“ oder dem „Mirrorball Man“ direkt an Bowies chamäleonartiger Fähigkeit, sich hinter Masken wie Ziggy Stardust oder dem Thin White Duke zu verstecken. Diese Strategie der Ironie und Distanzierung erlaubte es der Band, Themen wie Ruhm und Dekadenz zu reflektieren, ohne dabei in alte Pathos-Muster zu verfallen. Eno agierte hierbei erneut als der „Eraser“, der alles eliminierte, was zu sehr nach der klassischen Identität der Künstler klang, und stattdessen Platz für verzerrte Gitarren und kühle, elektronische Texturen schuf. 

Das Ergebnis ist ein Werk, das die düstere Atmosphäre und den Umbruchsgeist Berlins ebenso atmet wie Bowies Alben Low oder „Heroes“. U2 gelang es, diese Einflüsse in einen modernen Kontext zu übersetzen und dabei – ganz im Geiste Bowies – das Risiko des Scheiterns als integralen Bestandteil ihres künstlerischen Prozesses zu akzeptieren.

Das solide Songwriting hatte die Band natürlich nicht über Nacht verlernt, auch wenn es vielschichtig von einem „ Wall Of Industrial Sound “ zugekleistert wurde. Beim Radio-Hit „One“ wurde hier allerdings eine Ausnahme gemacht, vielleicht auch um eine Brücke zu denen stehen zu lassen, welche sich in den alten Hör- und Soundgewohnheiten von U2 festsetzt hatten. Insgesamt tat es der Band gut, Bass & Schlagzeug aufzuwerten, da die Hymnen vorerst alle abgesungen waren und man ja auch nicht zur Schlagerbude verkommen wollte. 

Für viele Fans ist „ Achtung Baby“ ihr bestes Album. Für mich klang es eher nach einem verzweifelten Versuch der Band, die damals vorhandene und vorherrschende Orientierungslosigkeit mit einem David Bowie Move zu kaschieren, nachdem zuvor der Elvis Ausfallschritt mit „ Rattle & Hum“ das Ende der irisch-amerikanischen Freundschaft publiziert und offenbar gemacht hatte . 
Berlin ist eine Reise wert, sagte Bowie zu Bono und der machte mit seinen Mannen in experimenteller Zusammenarbeit mit Brian Eno und Daniel Lanois eine eigene Berlin Triologie " Achtung Baby,  Zooropa, Pop " daraus !  Und das konnte man dann doch später nicht alles hinter sich lassen ... :)

 

Paul Weller - Stanley Road (1995) - Die einzige Konstante sind seine 'Ever Changing Moods'

Paul Wellers drittes Soloalbum Stanley Road aus dem Jahr 1995 ist ein zeitloses Meisterwerk des britischen Rock und Soul, das den Künstler auf dem absoluten Zenit seiner Schaffenskraft zeigt. Den perfekten Einstieg in dieses Opus bildet der grandiose Opener „The Changingman“, ein absoluter Monster-Song mit geklauten ELO Riff der '10538 Overture', welcher mit seinem treibenden Groove und der unbändigen Energie sofort klarmacht, dass Weller hier ein neues Kapitel aufschlägt.

Benannt nach seiner Heimatstraße in Woking, verwebt Weller auf der gesamten Platte persönliche Nostalgie mit einem erdigen, warmen Sound, der stark von den 60er und 70er Jahren inspiriert ist. Das Album festigte seinen Ruf als „Modfather“ und wurde zum kommerziellen Meilenstein der Britpop-Ära, obwohl es sich stilistisch deutlich reifer und tiefgründiger präsentierte als viele zeitgenössische Werke.

Musikalisch besticht die Platte durch eine perfekte Balance zwischen rauen Gitarrenriffs und souligen Orgelklängen, was besonders in Stücken wie „Out of the Sinking“ oder der kraftvollen Coverversion von „Walk On Gilded Splinters“ deutlich wird. Das emotionale Herzstück des Albums bilden zudem die zeitlosen Balladen „You Do Something To Me“ und „Broken Stones“, die bis heute als Inbegriff von Wellers Songwriter-Qualität gelten.

Durch die Zusammenarbeit mit Größen wie Steve Winwood und Noel Gallagher sowie die visuelle Gestaltung des Covers durch den Pop-Art-Künstler Peter Blake wurde Stanley Road zu einem kulturellen Gesamtkunstwerk erhoben, das seinen Status als Klassiker der britischen Musikgeschichte bis heute mühelos verteidigt.

 

Herbert Grönemeyer - Bleibt Alles Anders (1998) - Vom ahnungsvollen Aufbruch ins Land Brutal

Wenn man „Nach mir“ als den Opener des Albums von 1998 hört, ist das kein sanftes Anklopfen, sondern eine Abrechnung mit ordentlich Galle. Grönemeyer serviert uns hier keinen sentimentalen Abschied, sondern eine triumphale „Nach mir die Sintflut“-Attitüde, verpackt in einen schleppenden, fast bedrohlichen Beat. Es ist das musikalische Äquivalent dazu, beim Verlassen einer schlechten Party noch einmal genüsslich das Buffet umzuwerfen – ein Song voller Verachtung für die Geier, die schon auf das Erbe schielen, und gerade deshalb als Einstieg so genial, weil er sofort klarmacht: Der freundliche Herbert von nebenan hat heute Sendepause.

Dieser giftige Startschuss bereitet die Bühne perfekt für den Titelsong „Bleibt alles anders“, der diesen zerstörerischen Impuls in konstruktive Energie umwandelt und uns mit „Stillstand ist der Tod“ den nächsten Tritt verpasst. Wer nach dieser Eröffnung noch an seinem alten Leben klebt, hat das Album nicht verstanden. Wenn dann kurz darauf „Fanatisch“ losbricht, wirkt diese Leidenschaft fast schon gefährlich und kompromisslos – eben ein Rausch, der keine Gefangenen macht. Danach wird es mit „Letzte Version“ und der loyalen Liebeserklärung „Ich dreh mich um dich“ zwar emotionaler, aber die Schärfe des Beginns schwingt immer mit. 

Im weiteren Verlauf sorgt „Stand der Dinge“ für die nötige Erdung und eine ehrliche Bestandsaufnahme im Chaos, bevor die „Schmetterlinge im Eis“ uns zeigen, dass man selbst nach einer solchen Hass-Abrechnung zu Beginn am Ende wieder bei zarten, wenn auch tiefgefrorenen Gefühlen landen kann. Dieses Album von 1998 ist eine emotionale Achterbahnfahrt, die uns erst mit Anlauf in den Abgrund schubst, nur um uns dann auf einem Teppich aus Synthesizern und purer Energie wieder aufzusammeln. Es ist dieser Mut zur hässlichen, ehrlichen Emotion, der die Platte auch heute noch im Jahr 2026 zu einem unerreichten Meilenstein  deutscher Musikgeschichte macht. 

 

Van Morrison - Back On Top (1999) - Auf der Suche nach dem Stein der Weisen

Van Morrisons „Back on Top“ aus dem Jahr 1999 ist weit mehr als nur ein spätes Karriere-Statement; es ist ein triumphales Meisterwerk der handwerklichen Perfektion, auf dem der nordirische Barde seine eigene musikalische Alchemie zur Vollendung führt. 

Das Album atmet eine warme, organische Textur, die besonders im hypnotischen „Philosopher's Stone“ ihre spirituelle Mitte findet. In diesem sechsminütigen Kernstück nutzt Morrison laut Uncut die Metapher des Steins der Weisen, um die lebenslange Suche des Künstlers nach dem perfekten Ausdruck zu vertonen, wobei er gesanglich mühelos zwischen tiefem Grollen und ätherischem Falsett wechselt. 

Den emotionalen Gegenpol bildet die elegische Ballade „When the Leaves Come Falling Down“, ein impressionistisches Klanggemälde, das laut Rolling Stone die melancholische Schönheit eines Herbstabends mit einer poetischen Zärtlichkeit einfängt, wie sie nur Morrison gelingt. 

Dass der Künstler jedoch keineswegs in purer Nostalgie versinkt, beweist der Titelsong „Back on Top“: Mit stampfendem Rhythmus und einer schneidenden Mundharmonika präsentiert sich Van hier als vitale Blues-Gewalt, die ihren rechtmäßigen Platz an der Spitze des Genres mit stoischer Gelassenheit behauptet. 

Ohne sich in unnötigen Experimenten zu verlieren, liefert Morrison hier quer durchs Album die reine Essenz seines Schaffens ab – eine meisterhafte Verschmelzung von Soul, R&B und keltischer Mystik, die auch Jahrzehnte nach ihrem Erscheinen durch ihre zeitlose Tiefe und Brillanz besticht.

Den Stein der Weisen hat Van Morrison bislang nicht gefunden, dafür aber zahllose Melodien für die Ewigkeit ! Auch nicht gerade wenig, oder ?

 

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