Im tiefen Ozean der Melancholie: Warum „It’s A Very Deep Sea“ von The Style Council ein unentdecktes Meisterwerk ist
Wenn wir an Paul Weller denken, schießen uns oft wütende Mod-Hymnen oder erdiger Solo-Rock in den Kopf. Doch Ende der 1980er Jahre befand sich der „Modfather“ mit seinem Projekt The Style Council auf einer ganz anderen, avantgardistischen Reise. Das beste Zeugnis dieser Ära ist das Stück „It’s A Very Deep Sea“ vom kontroversen 1988er Album Confessions of a Pop Group. Ein Song, der wehtut, tröstet und musikalisch in einer ganz eigenen Liga spielt.
Der Ausbruch aus der Pop-Komfortzone
Nach den tanzbaren, politisch aufgeladenen Soul-Pop-Erfolgen von Alben wie Our Favourite Shop wagten The Style Council 1988 den radikalen Bruch. „It’s A Very Deep Sea“ verzichtet komplett auf treibende Beats oder eingängige Synthesizer. Stattdessen dominiert ein melancholisches, klassisch angehauchtes Klavier, das eine fast filmische, dichte Atmosphäre erzeugt. Begleitet von dezenten Bläsern und Streichern bewegt sich der Track an der Grenze zwischen anspruchsvollem Jazz und Kammerpop.
Ein Text über das Ertrinken und Weitermachen
Der Song nutzt das Meer als kraftvolle Metapher für Depressionen, Isolation und das Gefühl, von den eigenen Emotionen erdrückt zu werden. Paul Weller singt mit einer verletzlichen, fast nackten Stimme, die weit weg ist von der gewohnten Aggressivität seiner früheren Tage. Wenn er und Background-Sängerin Dee C. Lee Zeilen über die dunklen Tiefen des Lebens anstimmen, spürt man die pure Existenzangst, aber auch den unbedingten Willen, nicht unterzugehen.
Warum der Song heute wichtiger ist denn je
Confessions of a Pop Group wurde damals von Kritikern und Fans gleichermaßen missverstanden. Doch mit dem Abstand von Jahrzehnten zeigt sich: „It’s A Very Deep Sea“ war seiner Zeit weit voraus. Es ist kein klassischer Radiohit, sondern ein intimes Kunstwerk. Wer sich auf diese viereinhalb Minuten einlässt, wird mit einem der atmosphärischsten und ehrlichsten Stücke belohnt, die Paul Weller je geschrieben hat.
Der Entstehungsort: Die Solid Bond Studios in Marble Arch
Aufgenommen wurde der Song in einer ganz besonderen kreativen Keimzelle: den Solid Bond Studios im Londoner Stadtteil Marble Arch. Dieser Studiokomplex gehörte Paul Weller selbst und war für ihn weit mehr als nur ein Arbeitsplatz. Mitten im pulsierenden Herzen Londons schuf er sich hier einen hermetisch abgeriegelten Rückzugsort. Abgeschirmt vom Druck der Musikindustrie und den Erwartungen der Plattenlabels nutzte Weller diese Londoner Basis, um die absolute künstlerische Freiheit zu zelebrieren. Genau diese intime, fast isolierte Studioatmosphäre inmitten von Marble Arch hört man jeder einzelnen Note des Songs an.